Interview: „Und plötzlich hatte ich kein Interesse mehr an ihr…“

Ein Freund berichtete mir kürzlich von einer Romanze, die vielversprechend begann, doch schon nach kurzer Zeit in einer Enttäuschung endete. Da seine Geschichte eine Dynamik aufzeigt, die viele aufkeimende Beziehungen scheitern lässt, bat ich ihn, sie hier erzählen zu dürfen.

Javier ist 40 Jahre alt und kommt aus Madrid. Vor acht Jahren kam er für einen IT-Job nach Berlin. Er liebt seine Arbeit, ist ehrgeizig und engagiert. Gleichzeitig führt er ein reges Sozialleben und hat durch seine offene, kommunikative Art viele Freunde und Bekannte. Doch auch wenn er sich in Berlin wohlfühlt, fehlen ihm seine Familie und Freunde in Madrid, die vertrauten Straßen, die Sonne, seine Muttersprache und die herzliche, spontane Art seiner Landsleute. Deshalb reist er so oft wie möglich zwischen den zwei Hauptstädten hin und her. So lernte er im Sommer eine Frau über eine Dating-App in seiner Heimatstadt kennen. „Es war verrückt“, sagt Javier, „aber ich bereue es nicht.“

Der Chat mit der Unbekannten verlief so gut, dass Javier sich kurz vor seinem Rückflug nach Deutschland in Madrid mit ihr traf. Nach einem langen Spaziergang setzten sie sich in eine Tapas-Bar und unterhielten sich weiter, bis die Sonne langsam unterging. Zwischen den beiden hatte es geklickt. So war es nicht verwunderlich, dass sie auch in engem Kontakt blieben, als Javier wieder zurück in Berlin war.

„Was hat dir an ihr gefallen?“, frage ich ihn. „Sie wusste, was sie wollte, privat und beruflich. Sie ist wie ich schon viel in der Welt herumgekommen, und sie ist Spanierin, so dass uns auch die Kultur verbindet. Außerdem ist sie sehr hübsch,“ antwortet Javier mit einem Lächeln. „Sie ist ein offener Mensch. Wir konnten über alles reden, haben viel gelacht, und ihre Einstellungen gefielen mir.“

Irgendwann telefonierten sie jeden Tag ein bis zwei Stunden lang miteinander. Sie tauschten sich über vergangene Erlebnisse aus, diskutierten über die neuesten Corona-Entwicklungen und sprachen über ihre Zukunftsträume. Doch nach etwa sechs Wochen waren Telefonate nicht mehr genug. „Ich wollte sie unbedingt wiedersehen“, sagt Javier. „Also beschlossen wir, dass ich zu ihr fliege, um herauszufinden, ob etwas Ernstes aus uns werden kann.“

Gesagt, getan. Kurz darauf reiste Javier nach Madrid. Seiner Familie erzählte er nicht, dass er in der Stadt war, denn er wollte sich voll und ganz auf die Frau konzentrieren, die ihn seit Wochen in ihren Bann gezogen hatte. „Der erste Tag war super“, erzählt Javier. „Sie empfing mich in ihrer Wohnung und hatte uns ein tolles Abendessen vorbereitet. Ich freute mich, auch wenn es am Anfang etwas komisch und ungewohnt war.“ Am nächsten Tag mussten beide arbeiten – aufgrund der Corona-Situation aus dem Homeoffice. „Doch ich war die ganze Zeit das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollte mir alles recht machen. Das fing an, mich zu nerven.“ In den nächsten Tagen begann Javier, sich zu fragen: „Hat sie denn nichts anderes zu tun? Hat sie kein Leben?“ Er erklärt mir, wie wichtig es ihm ist zu sehen, dass sein Gegenüber selbständig ist und eigene Interessen verfolgt. „Doch sie drehte sich nur noch um mich. Das war mir zu viel. Ich will nicht das einzig Interessante im Leben des anderen sein.“ Durch diese Erkenntnis änderten sich Javiers Gefühle: „Plötzlich fand ich sie nicht mehr attraktiv. Ich fühlte mich richtig abgestoßen.“ Er merkte, dass er so nicht weitermachen konnte. Deshalb beschloss er, ihr zu sagen, dass er sich keine Beziehung vorstellen konnte. Zuerst war sie wütend, trug es dann aber mit Fassung. Am nächsten Tag flog Javier zurück nach Berlin. „Ich war natürlich enttäuscht. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich richtig gehandelt hatte.“

Dies ist trotz allem eine erfolgreiche Dating-Erfahrung. Warum? Zunächst einmal ist es immer schön, jemanden zu treffen, der einen begeistert und mit dem es „klick“ macht – oder zu machen scheint. Außerdem zeigt Javiers Geschichte, wie wichtig es ist, nicht zu lange in einer virtuellen Beziehung zu verbleiben, denn erst die reale Begegnung und gemeinsam verbrachte Zeit können zeigen, ob jemand wirklich zu einem passt. Hier waren beide mutig genug, ins kalte Wasser zu springen und auszuprobieren, wie gut sie sich im realen Leben verstehen. Sie haben ihrer Romanze also eine echte Chance gegeben. Dabei zeigte sich schnell, dass sie letztlich doch nicht kompatibel waren. Hier spielten wahrscheinlich unterschiedliche Bindungsstile eine Rolle, doch das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Fest steht: Erfolgreiches Dating besteht zu einem großen Teil aus aussortieren, denn die allermeisten Menschen, die wir kennenlernen, sind nicht der oder die Richtige für uns und werden es auch nie. Je bewusster dieser Auswahlprozess stattfindet, desto schneller finden wir den Menschen, der wirklich zu uns passt.